Löffelweise Nutella – und Kirschlikör

Von ganz weit weg höre ich Wasser rauschen. Im Halbschlaf und nur ganz leise. Wer jedoch einen Paul in der Familie hat, ist stets in Alarmbereitschaft. Müde schiele ich auf meinen Wecker – exakt 5.38 Uhr – und hebe meine alten Glieder aus dem Bett. Ich hätte immerhin noch 22 Minuten dösen können. Ein Luxus, den ich mir normalerweise nicht nehmen lasse. Es sei denn, es rauscht Wasser. Der Mann stellt sich erfolgreich schlafend.

Mein Gefühl hat mich nicht getrogen. Auf der Treppe hopst mir bereits ein munteres Paulchen entgegen – sehr wach für diese Uhrzeit mitten in der Nacht. Für meinen Geschmack viel zu wach. „Hallo Mama. Ausdeslaft?“, erkundigt er sich teilnahmsvoll und weidet sich an meinem leicht derangierten Anblick: Wischmopp auf dem Kopf, die Brille hängt schief, der Karo-Schlafanzug ist leicht zerknautscht. Ich erkundige mich, was er macht. „Paul hat Hände dewascht.“ Ah ja. „Warum, denn, Paulchen?“ – „Hab schon Nutella-Brot dedesst.“ Nutella-Brot? „Paulchen, wer hat Dir das gemacht?“ Ich bemühe mich um einen beiläufigen Ton, der mir so früh morgens nicht so recht gelingen mag. Denn jetzt habe ich seinen Mund entdeckt. Den ziert ein Vollbart aus meiner heißgeliebten Nuss-Nougat-Masse. Paul indes wirft sich stolz in die Brust: „Na – der Paul selba. Brot selba demacht.“ Und in der Tat: Paulchen streckt mir zwei über und über mit Nutella bezogene Händchen hin. Und erwähnt vollkommen überflüssigerweise: „Hände aber immer noch voll?!“ Das sehe selbst ich. Mit schiefer Brille.

Paulchen und ich machen uns auf in die Küche. Zuerst wird das Kind gesäubert, was einer Spontan-Dusche im Spülbecken gleichkommt. Danach suche ich das Nutella-Glas, das unschuldig auf dem Couchtisch steht. Mit einem (zum Glück!) Kindermesser von Ikea darin. Der Nutella-Gehalt ist seit meiner letzten Benutzung am Abend zuvor deutlich dezimiert. Paul ist immer noch stolz: „Hat Paulchen gut demacht, oder, Mama?“ Ich kämpfe mit einem dicken Grinsen und erkläre meinem Kind, dass zu einem Nutella-BROT auch Brot gehört. Denn das hat Sohn 2 vergessen. Mittlerweile ist der Rest vom Haus auch wach, angeklockt vom Dusch-Lärm. Jetzt sind es sowohl Sohn 1 als auch der Herzensgatte, die mit dem Grinsen kämpfen, denn Frau Kasi kann Nutella ebenfalls löffeln. Bevorzugt heimlich und mitten in der Nacht. Seufzend ob so viel Ungerechtigkeit putze ich sämtliche Türklinken, Nutellaglas, Couchtisch, segne meine Ledercoutch, da abwaschbar, und mache mich auf ins Gästeklo. Auch dort hat das morgendliche Nutellamonster sich ausgetobt. Vor der ersten Tasse Kaffee des Tages – die für mich lebenswichtig ist! – will ich noch eben die Salzbrezelchen des Lieblingsgatten in den Schrank räumen. Ein Salzbrezelchen-Desaster im Wohnzimmer brauche ich jetzt schließlich nicht auch noch. Das knirscht so eklig…

Müde und unachtsam stoße ich dabei gegen eine große Flasche polnischen Kopfwehalarm-Kirschlikörs, die die letzten zehn Jahre bei uns im Wohnzimmerschrank verbracht hat. Die Ein-Liter-Pulle zerbirst mit lautem Knall auf meinem wunderschönen Holzboden. Und noch schlimmer: Ihr unsäglich süßer Inhalt ergießt sich nicht nur über den wunderschönen Holzboden, sondern fließt munter unter alle Schränke – bevorzugt den mit der gesamten Wohnzimmertechnik. Ich laufe zu Hochform auf und fluche laut. Sch… Likör! Zum Glück mochte den eh niemand (sonst wäre er vermutlich längst nicht mehr da?). Paulchen kommt schuldbewusst ums Eck‘ geschlichen: „Mama! Aufpassen!“ und sagt zu Peter: „Paul hat Flasche aber nicht kaputt demacht. Puh.“

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