Lila Haare und jede Menge Chucks…

Wie war das – damals im Jahr 1994? albmagazin-Mitarbeiterin Katja Weiger ist zum 20. Jubiläum des albmagazins auf eine spannende Spurensuche gegangen. Und zwar höchstpersönlich: im eigenen Leben. Da passt es ganz gut, dass sie 2014 selbst einen Runden feiert. Welchen, dürfen Sie erraten…

Im Herbst 1994, als das albmag das mediale Licht der Welt erblickte, hatte ich mein Abitur gerade so hinter mir. Dokumentiert wurde dies nicht nur im Abschlusszeugnis, sondern auch in der tieforangefarbenen Abizeitung unseres Jahrgangs. Unter dem pixeligen, unscharfen Schwarzweiß-Foto der kleinen Brünetten mit der wirren Lockenfrisur steht: „Notorische Zu-Spät-Kommerin“. Die kastenförmigen Autos, die in diesem Heft beworben werden, gelten heute als „Youngtimer“ und waren gleich bunt wie die beliebten Swatch-Uhren jener Zeit.

Die kleine Brünette war auf jeden Fall sehr froh. Froh darüber, die Schulzeit mit Juso-Treffen, Freistunden im „Fliegenden Holländer“ und Tropi-Besuchen hinter sich gebracht zu haben. Meine Eltern nahmen freudig zur Kenntnis, dass ich nach dem Abi überraschend konservativ agierte. Anstatt die Welt unsicher zu machen, hatte ich mich für ein Volontariat bei einer Lokalzeitung entschieden. Dieser bodenständige Background, so frohlockten Mama und Papa, würde es künftig wohl nicht mehr zulassen, dass sich das Töchterlein progressiv die schwarzlila Lockenmähne einseitig abrasierte und die ausrangierten Karo-Sakkos des Vaters auftrug. Vorsichtshalber sortierte meine Mutter die ältesten Converse-Chucks und ein paar Löcher-Jeans gleich weg. Dass man mich bei der Lokalzeitung sofort nahm, werteten sie wie ich als Glücksfall. Genauso den Umstand, dass ich endlich mit dem Geld verdienen konnte, was ich offenkundig am liebsten tat: Schreiben. Neben Fußballgucken und Lesen meine Leidenschaft.

Während ich bei der Presse mit knapp 20 Jahren lernte, wie man ohne „Filterbruch“ die prähistorische Redaktions-Kaffeemaschine bedient und nicht jeden Satz mit „Ja aber…“ beginnt, starteten viele meiner Abi-Kollegen ihre Universitätslaufbahn. Mir war egal, dass ich von der Welt nicht viel mehr sah außer Gemeinderatssitzungen oder Kinderferienprogrammen mit Batik, Indiaka und brüllender DJ-Bobo-Musik. Treu begleitete mich in jener Zeit mein weißer Seat Marbella, an dem nur der Name wirklich spanisch-feurig war. Er hatte 34 PS und trug ironischer Weise rote Rennstreifen.

Als die Technik laufen lernte:
Lehrstunden in Sachen Kaffee

Mich störte es nicht, dass ich mir an meiner alten Schreibmaschine die Finger brach, wenn man das Farbband wechseln musste und das Redaktions-Radio keine Antenne mehr besaß. Vermutlich hasste es „Ace of Base“ oder „Rednex“ genauso innig wie ich. Was ich jedoch abgöttisch liebte: den Zeitungskosmos der 90er Jahre. Ich lernte viel; außerdem durfte ich abends immer den Sportteil Korrektur lesen. Und ich schrieb natürlich. Jeden Tag und über alles. Und ich träumte davon, die Welt zu verändern. Im Idealfall besser zu machen.

Das jedoch musste mit rudimentären technischen Voraussetzungen geschehen. Wir nutzen zum Zeitungsmachen alte Schreibmaschinen und ein Fax, das nur funktionierte, wenn man ab und zu beherzt auf den Deckel haute. Dazu gesellte sich eine Mini-Dunkelkammer, in der ich mir als Grobmotorikerin regelmäßig die Klamotten mit Entwicklerflüssigkeit einsaute. Abends reiste ein netter Kurierfahrer an, der die entwickelten Negative abholte und als Formel-1-Fan stets fragte: „Frollein, ham‘ ses Rennen jesehen?“ Zur Selbstverwirklichung, so dachte ich damals in jugendlichem Leichtsinn, würde ich später noch genug Zeit haben. Mir reichten zum Glücklichsein meine Arbeit, meine die Rolling-Stones-CDs und viele Bücher. Die glitzernde Girlie-Mode, die Mitte der 90er populär wurde, fand ich affig und nur schwer zu ertragen. Ich trug weiter am liebsten Jeans (ohne Löcher!) und Chucks in allen Farben. Mittlerweile hatte ich sogar ein Paar aus schwarzem Leder. Wie dekadent.

Die Monate vergingen. Nach zwei Jahren war meine Ausbildung beendet. Anfängliche Überlegungen, nach dem Volontariat studieren zu gehen, zerstoben im Wind. Erstens wusste ich damals, 1996, wirklich nicht, was ich hätte studieren sollen. Zweitens lockte eine Redakteursstelle in Ebingen. Ein Heimspiel. Ich sah meine Stammkneipen wie das „TomTom oder den „Trödler“ wieder. Außerdem wohnte ich zentrumsnah. Juso-Meetings besuchte ich keine mehr. Die Hoffnung, dass Helmut Kohl irgendwann einmal nicht mehr deutscher Kanzler sein könnte, hatte ich aufgegeben.

Der goldene Oli und die Rückkehr
von Musik, die keiner hören will

Fußballtechnisch gab es Höhen und Tiefen. Oli Bierhoff schoss Deutschland 1996 mit seinem legendären „Golden Goal“ zum Europameister-Titel. Mein VfB Stuttgart wurde im Jahr darauf mit Jogi Löw als Trainer Pokalsieger. Damals war Jogi, der heutige Weltmeister-Trainer, ausschließlich Trainer ohne Model-Attribute. Überhaupt die Mode in den 90ern… Wenigstens fiel ich in einer Zeit, in der Dauerwellen en vogue waren, mit meinem widerspenstigen Locken nicht mehr auf. Die deutsche Nationalmannschaft vergeigte bei der WM 1998 in Frankreich das Viertelfinale gegen Kroatien. Schlimmer konnte es nicht mehr kommen? Doch. „Modern Talking“ fand wieder zusammen und brachte ein neues Album heraus, das ausgerechnet „Back for Good“ hieß.

Während die Welt kollektiv bei Jauchs neuer Sendung „Wer wird Millionär“ fieberte und Talkshows immer populärer wurden, gingen die Rolling Stones 1999 zum gefühlten 157. Mal auf Tour. Auch in meinem Leben veränderte sich nicht mehr viel. Es steckte irgendwie in einer Sackgasse und wiederholte sich, ähnlich wie die Abschiedstouren der Stones. Als einer meiner liebsten Schulfreunde bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, begriff ich endlich, dass auch meine Zeit auf Erden begrenzt ist. Die Idee eines Studiums geisterte wieder durch meinen Kopf. Ich recherchierte im Internet – wie sehr ich dieses Medium lieben gelernt hatte! – und las vom Journalistenkolleg an der FU Berlin. Ohne lange zu überlegen, schrieb ich eine Email – auch diese Art der Kommunikation hatte ich zu schätzen gelernt – und bewarb mich. Ich wurde genommen. Yeah!

Berlin war in jener Zeit der Jahrtausendwende, die übrigens nicht die prognostizierten Mega-Abstürze gebracht hatte, ein Melting Pot. Ein flirrendes, lebendiges Zentrum, das mir als Landkind das erhoffte Kontrastprogramm und neue Kontakte bot. Während ich emsig neben dem Job her büffelte, verabschiedeten wir unsere gute, alte Mark und bezahlten fortan in Euro. Das gab jedem Broteinkauf einen Hauch von Urlaubsflair, wegen der Umrechnerei. Ich träumte wieder – und zwar von einer beruflichen Veränderung in Richtung Großstadt. Doch wieder wurde alles anders.

Denn im Jahr 2001 war, sozusagen auch als Neu-Kontakt, mein heutiger Mann ins Spiel gekommen. Für meinen Arbeitgeber musste ich damals nach Polen reisen, um über einen Gemeindeaustausch zu berichten. Blöderweise hatte ich mir drei Tage vorher beim Inlineskaten den Zeh gebrochen. Ich trug eine schicke Schiene und diverse Pflaster im Gesicht. Meinen heutigen Gatten, der als Musiker mitfuhr, störte das nicht. Heute sind wir zehn Jahre verheiratet und haben zwei tolle Jungs: Peter und Paul, neun und zwei Jahre alt.

Das „Sommermärchen“ macht Lust…
auf Schwarz-Rot-Gold

Was soll ich sagen? Nach Peters Geburt habe ich meine feste Redakteursstelle aufgegeben und gegen die Selbständigkeit eingetauscht. Kurz vor dem deutschen „Sommermärchen“ 2006 und jener sensationellen Fußball-WM mit ihren schwarz-rot-goldenen Fanmeilen. Der Alltag einer Zeitungsredaktion schien mir nicht kompatibel zu sein mit einem Baby daheim. Deutschland bekam seine erste Kanzlerin, während wir uns mit vagen Hausbau-Gedanken befassten. Und als wir 2011 den Garten unseres Eigenheims anlegten, hatte das „Ländle“ einen grünen Ministerpräsidenten.

Erraten. Manche Revolution fand im Stillen statt, manche gar nicht. Ich arbeite bis heute mit großer Leidenschaft, aber nach wie vor freiberuflich – und seit vielen Jahren für das albmag. Ich trage immer noch gerne Chucks, liebe die Toten Hosen und Stadionbesuche! Nur dass uns zu den Hosen-Festivals und den VfB-Spielen der Große, Peter, begleitet. Das Jetzt: kurz nach Maracanã und dem vierten deutschen WM-Stern. 20 Jahre nach meinem Abitur und kurz vor dem bösen 40. Geburtstag. So what?

Denn wenn jetzt der kleine Paul morgens in mein Bett krabbelt und leise flüstert: „Maaama…. haaaaalllo… püsssen…“, weiß ich, dass ich das Meiste in meinem Leben richtig gemacht habe. So wie das albmag auch! Herzlichen Glückwunsch!
PS: Lila Haare stehen Ihnen nicht.

Quelle: http://www.albmagazin.de/

1 70er Jahre Schick

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