Was für eine coole Type

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich mag das Internet. Ich bin nicht technikscheu. Ich habe ein Facebook-Profil. Ich google, wenn ich etwas nicht weiß, und ich liebe auch mein Smartphone heiß und innig. Dennoch treibt mich diese digitalisierte Welt stellenweise in den Wahnsinn. Weil ich Dinge erfahre, die ich eigentlich gar nicht wissen will. Mir ist natürlich klar, dass ich mich als Bloggerin angreifbar mache, weil ich ja selbst schonungslos aus dem Nähkästchen plaudere. Vermutlich will nicht jeder wissen, dass Paul keine Rosinen mag und Peter beim Schneeschippen nasse Füße bekommen hat. Ich selbst mag die tollen Reisebilder meiner ehemaligen Kollegin, die mir die große, weite Welt ins Büro zaubern. Ich lese gern von meinen Jahrgängerinnen und ihren Kindern. Ich freue mich darüber, mit alten Abi-Kollegen Kontakt zu halten.

Aber: Mein ehemalige Nachbar postet ein Foto seines Mittagessens. Schön, jetzt weiß ich, dass seine Frau formidable Linsen und Spätzle gekocht hat. Zum Nachtisch hat er Pudding gegessen und eine Tasse Kaffee getrunken – super Sache! Für kleine Königstiger war er dann auch noch. Aber: Wäre ich ohne dieses Wissen ärmer? Vermutlich nicht. Das große Sohnkind brachte es kurz und knackig auf den Punkt: „Mama, die meisten kochen heutzutage doch eh nur, weil sie ihr Gekochtes bei Facebook zeigen wollen. Nicht etwa, weil sie Hunger haben.“ So gesehen muss man dem Herrn für seine gut bürgerlichen Linsen und Spätzle wohl noch dankbar sein. Das Montags-Mittagessen hätte ja durchaus Filet vom Bergschaf an Nussschäumchen mit zartem Gemüsereigen sein können. Genauso treibt mich als Schreibmamsell um, wer diese ganzen Lebensweisheiten verfasst, die rund um den Globus geteilt, gepostet oder verschickt werden. Vermutlich sitzen in einer Schreibstube 260 freiberufliche/arbeitslose Journalisten, die sich Allerwertesten ablachen über Sätze wie: „Teile dies, wenn Du stolz auf Deine grünen Vorhänge bist.“

Eine Bekannte aus Kindertagen hat das Schwimmen für sich als Sport entdeckt. Jeden einzelnen Tag darf ich – dank einer wundervollen App und sozialer Netzwerke – lesen, wie viele Kilometer sie in welchem Tümpel/Bad geschwommen ist, wie sie sich dabei fühlt und wen sie in den Schwimmhallen dieser Welt trifft. Ganz ehrlich? An einem schlechten Tag regt mich das tierisch auf. Nicht, weil ich gern mehr Zeit hätte, um selbst mehr Sport zu treiben, sondern weil ich diese Poserei nicht mag. Würde sich ein Mensch auf die Straße stellen und der vollen Fußgängerzone zurufen: „He Ihr da, schaut an, wie heiß ich bin? Ich bin heute schon 289 Kilometer geschwommen und atme immer noch flüssig?“ Vermutlich eher nicht. Offen gestanden überlege ich, die Pragmatikerin, angesichts der Marathon-Schwimmstrecken, woher diese Menschen ihre Zeit nehmen. Haben die keine Socken zu waschen? Oder Wäsche zu falten? Man weiß es nicht.

Deshalb teile ich der Welt jetzt hochoffiziell mit: Soeben fünf Belege abgeheftet. Meinen Steuerberater angemailt. Ein Deutsch-Heft geklebt. Zwei Ladungen Kochwäsche durch die Trommel gejagt und kleinen Sohn in den Schlaf gesungen mit Udo Jürgens. Mensch, was bin ich für eine coole Type. Aber echt.

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