Schwere Wahl

Ich habe mich beim Entrümpeln am Auge gestoßen. Ein wunderbares Veilchen ist die gut sichtbare Folge. Wenig erfolgreich will ich den fiesen Bluterguss wegschminken. Der große Sohn beobachtet meine Versuche dazu aufmerksam und feixt.
Er: Schwere Wahl, was?“
Ich: „Hä? Welche Wahl?“
Er: „Die Entscheidung darüber, ob man aussehen will wie ’ne komische Tussi, die in der morgendlichen Dunkelheit in die Farbe gefallen ist, oder wie eine erfolglose Profi-Boxerin, die ihre Karriere besser beenden sollte.“ Ich entscheide mich für die dritte Variante: die Sonnenbrille.

Jetzt isser fort

Ich mag Bücher und Kabarettprogramme von Frank Goosen. Unter anderem für seine Einstellung, die besten Geschichten schreibe das Leben. Wenn ihm einmal nichts einfalle, fahre er Regionalexpress ab Bochum. Denn die besten Geschichten… Sie wissen schon. Und er hat recht!

Daran dachte ich diese Woche. Ich musste auswärts einen Facharzt besuchen. Die Wartezeit davor überbrückte ich in einer großen Buchhandlung, gekauft habe ich nichts. Außer meinem Mann bin ich auch dem Buchhändler meines Vertrauens treu. Dennoch barg diese Stunde unfreiwilliger Wartezeit spannende Überraschungen, wenn auch eher unfreiwilligerweise.

Denn während ich mich durch Krimi- und Belletristik-Neuerscheinungen stöberte, kam ich nicht umhin, das Geschehen im Laden mit halbem Ohr zu verfolgen. Frau Kasi hört, so behaupten böse Zungen, mit halbem Ohr mehr als andere mit zwei kompletten Ohren. Mein Interesse fesselte sofort die Frau am Kassencomputer. Dieser war offenbar nicht ihr bester Freund. Während meiner Anwesenheit stürzte er dreimal ab, was sie lautstark und mit süßem Akzent kommentierte: „Aber nein, aber nein, jetzt isser schon wieder fort.“ Ihr Kollege, Typ unsympathischer Streber-Nerd, bediente währenddessen hochtrabend und mit vielen vermeintlich klugen Ratschlägen die Kundschaft: „Ganz brillant von der Sprache her… ganz brillant.“

Bei einem Kunden, einem listig grinsenden, älteren Herren, den man guten Gewissens als „Schlitzohr“ bezeichnen würde, kam er allerdings ins Straucheln: „Entschuldigen Sie“, fragte eben dieser Kunde, „ist das Wimmelbuch vom VfB Stuttgart für die erste oder die zweite Liga? Für den Fall, dass sie wieder aufsteigen…“ Der Nerd kam ins Schwitzen und  näselte: „Äh… nun ja….ich weiß es nicht… vermutlich ist das Buch ligaübergreifend?“ Der Kunde fragte zurück: „Wie? Sie haben es nicht gelesen? Dieses Buch?“ Ein Wimmelbuch??? Lesen??? Frau Kasi zog sich zum Kaputtlachen in die Bilderbuch-Abteilung zurück und verfolgte von dort aus die Unterhaltung weiter. Der Nerd, inzwischen mit nervösem Schweiß auf der Stirn und knallrot im Gesicht: „Nein, das VfB-Buch habe ich in der Tat nicht gelesen, aber viele andere Neuerscheinungen.“ Der VfB-Fan lächelte mild: „Das dachte ich mir.“ Fröhlich winkend zog er – freilich ohne Wimmelbuch – von dannen. An der Kasse stürzte derweil neuerlich der Computer ab: „Jetzt isser fort.“

 

Eine spontane Zeitreise

Letztes Jahr hatten der große Sohn und ich eine sehr lustige Begegnung, an die ich oft denken muss. Und das kam so…. Auf eine Tour vom Bodensee heim kamen wir am Firmen-Areal eines großen Wohnmobil-Herstellers vorbei, der zufälligerweise zum Tag der offenen Tür geladen hatte. Immer interessiert an Fahrzeugen aller Art, machten wir Halt. Wohnmobile gucken. Was tut man auch sonst an einem sonnigen Sonntag am späten Mittag.

Peter und ich schauten uns alle, aber auch wirklich alle der gefühlt 564 Vehikel an. Alte, neue, große, kleine, spartanische, voll ausgestattete. Das letzte Wohnmobil in der Reihe war besonders stattlich und schien sehr luxuriös zu sein. Es parkte wohl deshalb auch etwas abseits. Der Thronfolger schrie begeistert: „Mama, guck‘ mal, da steht noch ein ganz cooles Teil! Da gehen wir jetzt auch noch rein!“ Warum auch nicht? Auf eins mehr oder weniger kam es ja auch nicht an. Ich folgte dem Sohn mit müdem Schritt. Seltsame Idee bei 30 Grad im Schatten. Ich wollte lieber eine Bluna trinken. Und einen Kuchen essen.

Peter rüttelte also mit viel Radau und überaus beherzt an der Eingangstüre des Wohnmobils, die irgendwie zu klemmen schien. Urplötzlich sprang der Riegel dann doch auf. Die Tür öffnete sich in Zeitlupe. Leider gab sie keinesfalls den Blick in das Wohnmobil frei. Denn in der Tür stand ein groß gewachsener, braun gebrannter und fröhlich lächelnder Mann mit dichtem Vollbart. Peter wich zurück – damit hatte er nicht gerechnet. Und ich natürlich auch nicht. Nach dem zweiten Blick auf den Herrn, dem das teure Mobil zu gehören schien, begann mein Gehirn zu rattern. Mist, irgendwoher kannte ich ihn. Gehirn, wo bist Du? Einen Geistesblitz später hatte meine Denkmaschine seinen Namen in ihren Untiefen ausfindig gemacht: Harry Wijnvoord. Hier? Im Wohnmobil? Das musste die Hitze sein.

Sie erinnern sich an Harry Wijnvoord? Den freundliche Moderator mit unverkennbar holländischem Zungenschlag, der in den tiefen 90-ern für einen Privatsender „Der Preis ist heiß“ moderiert hatte und vor einigen Jahren sogar in den Promi-Dschungel gezogen war? Unter der Wohnmobil-Tür eben dieses Herrn standen wir jetzt also, der Sohn und ich. Peter hatte mittlerweile auch bemerkt, dass das kein „Heute-ist-Tag-der-offenen-Tür-Besichtigungs-Wohnmobil“ war. Denn Herrn allerdings kannte nur ich, weshalb es nur mir komplett die Sprache verschlug, was nicht allzu oft vorkommt. Der Sohn hatte sich von daher schneller wieder im Griff. Mit rotem Gesicht flüsterte er heiser: „Oh, entschuldigen Sie bitte… wir dachten…“ 

Harry Wijnvoord indes störte sich nicht an unserem ungeplanten Spontan-Besüchlein. „Immer hereinspaziert“, rief er gut gelaunt. Mich katapultierte er mit seinem niedlichen holländischen Akzent sofort ins Wohnzimmer meiner Eltern vor den alten Saba-Fernseher. Ich war 16 Jahre alt, die Mathe-Hausaufgaben lagen wieder einmal brach, weil ich bei herrlichem Wetter mittags lieber vor der Glotze lag und zuschaute, wie Harry Wijnvoord Tischdecken, Kassettenrekorder oder Fernrohre an den Mann brachte… Mein Gott. Die Hitze.

Von meiner tiefen Abneigung zu Mathematik und Wahrscheinlichkeitsrechnung wusste Harry Wijnvoord an diesem warmen Tag natürlich nichts: „Darf ich dem Herrn und der charmanten  jungen Mama mein bescheidenes Heim zeigen? Ein Wasser gefällig? Oder vielleicht sogar ein Gläschen Wein?“ Bevor ich: „Nein danke, wir gehen wohl besser, wir haben uns in der Tür vertan…“, sagen konnte, war mein Sohn bereits nach drinnen in Harrys Luxusgefährt gehopst und und plauderte mit dem Gastgeber bei kühler Limo über die Vorzüge der ungeahnten Freiheit, die ein mobiles Heim bietet. Ah, Harry Wijnvoord warb für diese Firma. Gerade unterhielten sie sich über die Toskana im Herbst. Eine Begegnung der dritten Art, hätte meine sächsische Kollegin gesagt, „Kasi, so unwirklisch wie eine biblische Erscheinung…“Genauso ging es mir gerade auch.

Meine Sorgen waren unbegründet – so langsam fand ich mich selbst wieder. Mensch, was war der Mann nett und aufmerksam. Das Wohnmobil bot sogar einen Klimaschrank für feinen Rotwein! Zwei Gläser Limo später sagten wir dann aber wirklich „Tschüss!“ Draußen vor der Tür sagte der Sohn: „Mama, sag‘ mal, kanntest Du den Mann? Irgendwie hatte ich den Eindruck…“ Da erzählte ich ihm von den Mathe-Hausaufgaben an jenem sonnigen Mittag in den 90-ern.

Frühstück mit Mami

Es klingelt spätabends an der Haustür. Entgegen der Ratschläge aller die Sicherheit liebenden Menschen öffne ich sofort die Türe, weil ich eins der Kinder draußen wähne. Wozu haben wir eigentlich eine Sprechanlage? Denn leider Fehlanzeige. Keins meiner Kinder. Draußen steht ein junger Mann. Grinsend über beide Backen und in Knallorange, was meine superduper LED-Außenleuchte toll reflektiert. Ich muss die Augen zusammenkneifen, so heftig strahlt er. Er ist aber immer noch da, als ich sie wieder öffne.

„Guten Abend“, trällert der späte Gast vergnügt, „ich bin der Kevin vom Frühstücksdienst.“ Ich, wenig einfallsreich: „Aha. Und?!“ Seine Fröhlichkeit steigert sich ins Unermessliche. Er singt beim Sprechen, was ich abends nicht mehr so gut ab kann. Ein Kind hustet, das andere hat Magen-Darm. Tolle Nacht und tollen Tag gehabt. Der orangene Jüngling strahlt mich an und lässt erfahren die Zähne blitzen. Vermutlich will er mich aufmuntern, wie ich so müde und alt in der Tür stehe: „Ich würde Ihnen gern Frühstück bringen.“ So zackig hat mir das noch kein Mann angeboten, obwohl ich die Fünfzehn plus zwölf bereits überschritten habe. Ich: „Danke, dafür habe ich aktuell keinen Bedarf.“ Er  wird kokett: „Frühstücken Sie nicht?“ Ich: „Doch, aber ich kann mich aktuell noch selbst versorgen, auch wenn das im Moment auch nicht so aussehen  mag. Außerdem frühstücke ich meistens schon morgens um fünf oder um halb sechs. Wenn Paul eben Hunger hat.“ Er: „Oh. Das ist aber schade.“ Das stimmt. Mir ist fünf Uhr morgens auch zu früh, Kevin. Kevin verabschiedet sich fröhlich. Vermutlich denkt er, Glück gehabt.

Die Jungs kommen aus dem Wohnzimmer angeschlichen, neugierig geworden durch das Stimmengewirr: „Mama, was wollte der Mann denn?“ Peter grinst verhalten: „Mit der Mama frühstücken, Paul. Hast Du doch gehört.“ Paul schüttelt entschieden den Kopf: „Den brauchst Du ja aber gar nicht. Gell, Mama, Du hast ja uns.“ Ja Paulchen. Und das sogar schon morgens um fünf.

Der Herr in Rot

Der Nikolaus kommt, erhaben und festlich gekleidet in einem beige-golden schimmernden, historischen Gewand, zum Nikolausfest zu den Kitakindern. Also auch zu Paul. Folgender Dialog, während der Nikolaus vor rund 70 Kindern nebst Mamas, Papas, Omas und Opas mit gütiger Miene aus seinem Buch vorliest.

Paul: „Warum trägt der denn heute nichts Rotes?“
Ich: „???“
Paul (lauter werdend): „Mama? Hörst Du mich nicht?“
Ich (stotternd): „Vielleicht muss man das Rote grad waschen? Ich kenn‘ mich da nicht so aus…“
Paul: „Wenn WIR Fest haben, wäscht er? Sehr ungeschickt. Das glaube ich Dir nicht.“
Ich: „Vielleicht ist das rote Gewand ja auch gerade in der Reinigung…“
Paul: „Ich mag das goldene Kleid nicht so recht… Ich will lieber einen roten Nikolaus. Meno.“

Paul erinnert sich an seinen gefüllten Stiefel von daheim, den es am Abend zuvor gegeben hat. Den Nikolaus hat er dabei leider – wie auch immer – nicht gesehen… Und das, obwohl er Brot und Milch vors Haus gestellt hat. So ein Pech aber auch.

Paul: „War dieser Nikolaus denn gestern auch bei uns?“
Ich: „Ja, klar.“
Paul: „Ich sag‘ ihm am besten gleich, dass mein Rührgerät nicht richtig funktioniert…“ (An einem kleinen Geschenk, einem kleinen Rührgerät für die Kinderküche, setzen die Quirls ab und an aus. Kontaktproblem.
Ich (hilflos): „Das ist jetzt aber sehr ungeschickt… Der Nikolaus muss doch jetzt vorlesen und seine Geschenke überreichen…“
Paul: „Aber das Rührgerät FUNKTIONIERT NICHT!!!!! He, Nikolaus, mein Rührgerät geht nicht!“
Ich (noch hilfloser): „Psssst…pssst…“

Der Nikolaus hat Erbarmen und überreicht Paul einen prall gefüllten Nikolaus-Strumpf.  Paul ist glückselig und strahlt: „Mama, der Nikolaus ist ja sooo nett. Darf ich ihm ‚Jingle Börds‘ singen???“Aufatmen bei der nassgeschwitzten Mutter. Noch einmal Glück gehabt. Und „Jingle Börds“ wurde auch nicht gesungen 🙂