Atemloses Christkind im Bällebad

Sankt Martin, Nikolaus und Christkind – Paulchen verliert im Augenblick leicht den Überblick über all jene, die derzeit in den Häusern vorbeikommen wollen beziehungsweise irgendetwas mitbringen sollen. Unlängst haben wir sehr gelacht, als Sprössling 2 auf die Frage, was der Nikolaus wohl im Kindergarten mache, „tritratralalaaaa…“ antwortete. Dass der Nikolaus mit „dem Pferdle“ komme, musste ich leider ebenfalls verneinen – damit meinte der Kurze wohl eher den Sankt Martin, der obendrein auch noch Teilen lehrt. Eine Tätigkeit, die Paul derzeit eher vom Hörensagen kennt: Er gibt nicht gern was her – und schon gar nicht was zum Essen. Mit dem Martin versöhnte ihn jedoch die bunte Laterne, die im Kindergarten gebastelt wurde. Und die schönen Lieder.

Ganz kompliziert wurde es dann gestern, als in der Gute-Nacht-Geschichte, die ich zum Besten gab, die Rede war von diversen Weihnachtsengeln, die fix das Christkind begleiten und dem Weihnachtsmann emsig zur Hand gehen. Paulchen war total perplex: Wer waren all diese Leute? Die Sache mit dem Christkind war ja dann auch irgendwie noch okay – das sah so nett aus in seinem Buch. Dem Weihnachtsmann hingegen bescheinigte er schonungslos „eine dicke Bauch“, was ich nicht wirklich leugnen konnte, denn der Herr im Buch schien mir sehr aus der Form geraten zu sein. Außerdem hielt mein Sohn den Geschenkesack leider für einen Windelbeutel. Auch die Engelchen fanden nicht wirklich seinen Gefallen: „Sehen sehr tomisch aus….“ Paul kehrte also zurück zu einem bekannten Herrn: dem Nikolaus. Der kommt ja auch schließlich in den Kindergarten und ist von daher eine Autoritätsperson erster Güte. Paul, so teilte er mir mit, wird „Atenlos Gute Nacht“ für ihn singen und ihm das Bällebad zeigen. Paul, das Advents-und-Weihnachtsdings üben wir noch. Versprochen. Auch wenn sich der Nikolaus Deiner Meinung nach noch rasieren muss.

Nur ein Telefonat

Ich warte auf einen Rückruf – und zwar von einer reizenden Dame, mit der ich noch Details zu zwei Texten besprechen muss. Endlich hupt mein Handy – nur dummerweise zeitgleich mit der Türklingel. Vor der Türe steht die Musiklehrerin des Großen – pünktlich da für die nächste Stunde. Während ich mit dem einen Arm das Handy unters Ohr klemme, dirigiere ich die Musiklehrerin freundlich und wild gestikulierend ins Wohnzimmer zu Sohn 1. Sohn 2 indes wittert Morgenluft und brüllt aus Leibeskräften: „Auch Frau gehen. Nonnis zeiden.“ Das bedeutet frei übersetzt: Sohn 2 möchte die gefühlt fünfzehneinhalb Schnuller, die er in seinen Händchen und beiden Hosentaschen verstaut hat, unbedingt der Klavierlehrerin vorführen. Woher er diese hat, entzieht sich spontan meiner Kenntnis. Warum er das tun will, weiß ich auch nicht; dass ich das jetzt unmöglich zulassen kann, schon eher. Parallel erkläre ich der immer noch wartenden Dame am Telefon, dass es bei mir gleich wieder ruhiger ist und ich sofort wieder ganz Ohr bin für sie und Ihre Texte. Sohn 1 übt derweil schon eifrig Tonleitern, was man sehr gut hören kann.

Wie urplötzlich für Ruhe sorgen will, ist mir bis dato schleierhaft. Denn mittlerweile zettert Paul schon eine Oktave höher und schmeißt furienartig mit den fünfzehneinhalb Schnullern um sich. „Underecht! Auch Frau gehen! Imma nur der Peter!“. Ich beginne zu schwitzen und streichle ihm übers Haar. Kein Erfolg. Danach manövriere ich das Kind vorsichtig ins Büro des Manns, wo unzählige Micky-Maus-Heftchen auf einem Stapel liegen. Normalerweise schaut sich die Sohn 2 für sein Leben gern an: „Maus is‘ so lustid…“ Fehlanzeige. Sohn 2 würdigt weder Micky Maus, noch Kater Karlo oder Donald Duck eines Blickes und brüllt wieder, mittlerweile mit knallrotem Kopf: „Immer nur der Peter….“ Tränen schießen wie Sturzbäche aus seinen Augen. Ach, er tut mir Leid. Exakt bis zu dem Punkt, wo er sich auf den Boden wirft und mit den Beinen ums sein Leben zu strampeln scheint. Mir tritt der Schweiß auf die Stirn. Woher Ruhe nehmen und nicht stehlen? Die Dame am Telefon ist sehr verständnisvoll. Ich langsam nicht mehr.

Mit einem gezielten Griff packe ich den zweijährigen Thronfolger, der offenbar auf 180 ist und sich mit der ganzen Kraft seiner zehn Kilo windet wie ein Aal. Ich stelle ihn kurzentschlossen in sein Zimmer. Dessen Tür ist mit einem Gittertürchen verschlossen. Diese jähe Art der kleinkindlichen Freiheitsberaubung erbost den jungen Mann bis auf Letzte. „Mama so böse. Paul bloß abdestellt!!! Mama nimma mein Freund….“ Nun ja, er hat ja recht. Korrekt ist das sicher nicht – aber was tun? Also: Ich ziehe mich zügig ins benachbarte Schlafzimmer zurück, beende mein Telefonat mit Anstand und Höflichkeit. Plötzlich wird es ruhig. Alarmiert kehre ich zu meinem Kind zurück – wir reden von rund zwei Minuten, die ich noch zum Telefonieren gebraucht habe – im seligen Wissen, dass alles in Paulchens Zimmer kleinkindgerecht eingerichtet ist und ihm nichts passieren kann. Bevor jetzt alle jäh aufschreien und mir vorwerfen, ich würde mein Kind stundenlang einkerkern…

Paul sitzt – ein Bild für Götter – mitten in den Zutaten seiner Spielküche. Da sind Spiegeleier aus Plastik, Pommes dazu, ein Himbeerkuchen, ein Fisch, drei Kirschen, Tassen, Teller und rote Würstchen. Alles wild verteilt. Paul schluchzt: „Alles alleine aufdedesst.“ Also: Im Klartext: Wer mich einsperrt, kriegt auch nix mehr zu essen. Ein Bilderbuch später sind wir wieder Freunde. Puh. Noch einmal Glück gehabt.

Löffelweise Nutella – und Kirschlikör

Von ganz weit weg höre ich Wasser rauschen. Im Halbschlaf und nur ganz leise. Wer jedoch einen Paul in der Familie hat, ist stets in Alarmbereitschaft. Müde schiele ich auf meinen Wecker – exakt 5.38 Uhr – und hebe meine alten Glieder aus dem Bett. Ich hätte immerhin noch 22 Minuten dösen können. Ein Luxus, den ich mir normalerweise nicht nehmen lasse. Es sei denn, es rauscht Wasser. Der Mann stellt sich erfolgreich schlafend.

Mein Gefühl hat mich nicht getrogen. Auf der Treppe hopst mir bereits ein munteres Paulchen entgegen – sehr wach für diese Uhrzeit mitten in der Nacht. Für meinen Geschmack viel zu wach. „Hallo Mama. Ausdeslaft?“, erkundigt er sich teilnahmsvoll und weidet sich an meinem leicht derangierten Anblick: Wischmopp auf dem Kopf, die Brille hängt schief, der Karo-Schlafanzug ist leicht zerknautscht. Ich erkundige mich, was er macht. „Paul hat Hände dewascht.“ Ah ja. „Warum, denn, Paulchen?“ – „Hab schon Nutella-Brot dedesst.“ Nutella-Brot? „Paulchen, wer hat Dir das gemacht?“ Ich bemühe mich um einen beiläufigen Ton, der mir so früh morgens nicht so recht gelingen mag. Denn jetzt habe ich seinen Mund entdeckt. Den ziert ein Vollbart aus meiner heißgeliebten Nuss-Nougat-Masse. Paul indes wirft sich stolz in die Brust: „Na – der Paul selba. Brot selba demacht.“ Und in der Tat: Paulchen streckt mir zwei über und über mit Nutella bezogene Händchen hin. Und erwähnt vollkommen überflüssigerweise: „Hände aber immer noch voll?!“ Das sehe selbst ich. Mit schiefer Brille.

Paulchen und ich machen uns auf in die Küche. Zuerst wird das Kind gesäubert, was einer Spontan-Dusche im Spülbecken gleichkommt. Danach suche ich das Nutella-Glas, das unschuldig auf dem Couchtisch steht. Mit einem (zum Glück!) Kindermesser von Ikea darin. Der Nutella-Gehalt ist seit meiner letzten Benutzung am Abend zuvor deutlich dezimiert. Paul ist immer noch stolz: „Hat Paulchen gut demacht, oder, Mama?“ Ich kämpfe mit einem dicken Grinsen und erkläre meinem Kind, dass zu einem Nutella-BROT auch Brot gehört. Denn das hat Sohn 2 vergessen. Mittlerweile ist der Rest vom Haus auch wach, angeklockt vom Dusch-Lärm. Jetzt sind es sowohl Sohn 1 als auch der Herzensgatte, die mit dem Grinsen kämpfen, denn Frau Kasi kann Nutella ebenfalls löffeln. Bevorzugt heimlich und mitten in der Nacht. Seufzend ob so viel Ungerechtigkeit putze ich sämtliche Türklinken, Nutellaglas, Couchtisch, segne meine Ledercoutch, da abwaschbar, und mache mich auf ins Gästeklo. Auch dort hat das morgendliche Nutellamonster sich ausgetobt. Vor der ersten Tasse Kaffee des Tages – die für mich lebenswichtig ist! – will ich noch eben die Salzbrezelchen des Lieblingsgatten in den Schrank räumen. Ein Salzbrezelchen-Desaster im Wohnzimmer brauche ich jetzt schließlich nicht auch noch. Das knirscht so eklig…

Müde und unachtsam stoße ich dabei gegen eine große Flasche polnischen Kopfwehalarm-Kirschlikörs, die die letzten zehn Jahre bei uns im Wohnzimmerschrank verbracht hat. Die Ein-Liter-Pulle zerbirst mit lautem Knall auf meinem wunderschönen Holzboden. Und noch schlimmer: Ihr unsäglich süßer Inhalt ergießt sich nicht nur über den wunderschönen Holzboden, sondern fließt munter unter alle Schränke – bevorzugt den mit der gesamten Wohnzimmertechnik. Ich laufe zu Hochform auf und fluche laut. Sch… Likör! Zum Glück mochte den eh niemand (sonst wäre er vermutlich längst nicht mehr da?). Paulchen kommt schuldbewusst ums Eck‘ geschlichen: „Mama! Aufpassen!“ und sagt zu Peter: „Paul hat Flasche aber nicht kaputt demacht. Puh.“

Deda mam. Hmmm.

Letztens las ich einen schönen Text einer erfahrenen Mutter, die von einer „gesunden Form der Verwahrlosung“ schrieb, die beim zweiten Kind eintrete. Wissen Sie was? Sie hat recht! Wenn ich darüber nachdenke, was für einen Aufstand wir alle um Peters Ernährung machten, als der Kleine ungefähr so alt war wie Paulchen heute… Peter bekam alles, was in irgendeiner Form pädagogisch wertvoll, biologisch auf Herz, Nieren und Leber geprüft und am besten auch noch sehr spaßfrei daher kam. Nun gut, Peter wusste es nicht besser und dachte vermutlich, so sähe das Leben nach der Muttermilch halt einfach aus. Eine traurige Tristess aus ganz viel Naturbelassenheit und schrumpeligen Äpfeln. Tapfer mampfte das Männlein Hirseschleim mit Fenchel (uägh) und tonnenweise Möhrengemüse mit komplett unbehandeltem Fleisch, das schon beim Kochen seltsam vor sich hin roch. Süßigkeiten? Werk des Teufels! Kannte Peter nicht bis zu seinem zweiten Geburtstag (halt, bis auf eine kleine Ausnahme, als er den Süßwaren-Schrank im heimischen Wohnzimmer enterte und Gummibärchen stahl.) Klar. So liest man es (vermutlich irgendwie auch zu Recht) in jedem Babyratgeber. Tonnenweise Nutella und Schokokuss sind halt einfach nichts für kleine Mägen. Dem stimme ich auch voll und ganz zu.

Wohl fast jede Mutter mit mehr als einem Sprössling wird mir bestätigen, dass ab dem zweiten Kind alles anders wird. Viele Gedanken macht man sich gar nicht mehr. Ehrlich gesagt sind viele auch gar nicht nötig, und die Zeit hat man irgendwie zwischen Diktatüben, Schwimmtraining und Schachkurs auch nicht mehr. Paul zum Beispiel isst vom Tisch, seit er vier Monate alt ist. Möhrenmatsch fand er seit jeher doof – er sah doch, dass Peter Pasta mit Lachssauce oder Hühnchen mit Grillkartoffeln aß. Wohlgemerkt am Stück und nicht zur Unkenntlichkeit vermascht und püriert. Weil Paulchen so sein wollte wie Peter, lehnte er außerdem konsequent alles ab, was fertig aus dem Glas kam (bis aufs Obst). Gut, ohne fertigen Gemüsematsch konnte ich leben – ich selbst mag an den Inhalt der meisten Gemüse-Gläschen nicht mal riechen. Was tun also mit einem Baby, das zwar keinen einzigen Zahn, aber dafür jede Menge Appetit hatte? Sie werden’s erraten. Wir haben ihm einfach vom Tisch gegeben. Wir haben einfach weniger gewürzt und gesüßt und später gegebenenfalls für uns selbst nachgesalzen, nachgezuckert oder nachgepfeffert. Rinderbraten, Kartoffelpuffer und Gemüse wurden fein und klein geschnitten und kamen – Achtung! – vor allem aus der gleichen Schüssel wie für den Rest der Familie. Paul aß darauf hin mit Hochgenuss Wiener Schnitzel, Gurkensalat und Sauerkraut. Nein, Bauchweh hatte er nie. Paul mag am liebsten Spaghetti mit Tomatensauce, Ravioli und Pfannkuchen. Und, pssst, Paul kennt natürlich auch schon den Wohlgenuss von Himbeereis, Gummibärchen und Schokolade. Um vorzubeugen, dass jemand hektisch aufschreit und nach dem Jugendamt verlangt: Paul darf davon ganz wenig und natürlich auch nicht jeden Tag. Aber er hat nicht dass Gefühl, dass er irgendetwas weniger bekommt als Peter. Dafür hat er auch noch nie den Süßschrank geplündert. Und die Zähne putzen wir ihm selbstverständlich auch. Und sind wir einmal ehrlich: Ab und an ein bisschen Nutella naschen, das ist doch das Himmelreich. Sagen wir es mit Paul: „Deda mam. Hmmmmm.“

Wir hatten es nett

Tage mit den beiden Buben – immer spannend, manchmal anstrengend, aber immer so, dass es irgendwie doch noch etwas zu lachen gibt. Die Sonne scheint nach gefühlten 1934 Tagen endlich einmal wieder. Passenderweise dazu muss Peter einen Text für Deutsch abschreiben. Mit Füller. Über Gewitter und prasselnden Regen. Paul beäugt seinen mit der Zunge mit Mundwinkel emsig schreibenden großen Bruder vom Hochstuhl aus überaus sehr aufmerksam. „Pepe?“ Nein. „Pepe“ schreibt über trommelnden Regen und dunkle Wolken. Paul, der kann jetzt nicht. Außerdem hat Peter jetzt auch noch bei „plötzlich“ ein „t“ vergessen. Mist. Ich betrachte den Frieden gerührt und beginne, die Spülmaschine einzuräumen. „Sowas“, ereifert sich Peter, „jetzt schreib‘ ich da was über Regen… dafür hätten wir doch wochenlang Zeit gehabt. Bin ja froh, wenn mal die Sonne scheint.“ Ich schmunzle. „Nun ja, aufs Wetter kann man die Hausaufgaben nicht auch noch abstimmen.“ Peter hat sehr liebe Lehrerinnen, das sei nebenbei bemerkt. Paul indes wittert Morgenluft. Peter macht eine Schreibpause und legt den Füller unbeabsichtigt sehr nah in Regionen, die vom Hochstuhl aus sehr gut zu erreichen sind. Klirr. Der Füller kracht zu Boden. „Ommm“, sagt Paul, „deda. Ommm.“ „Ihhhhhh“, entfährt es Peter. Blaue Tinte verteilt sich wie moderne Kunst großflächig über Fliesen, Küchentheke und Barhocker. Paulchen hopst in seinem Gestell sitzenderweise auf und ab (ja, das geht… kommen Sie ruhig vorbei, wenn Sie es nicht glauben). Endlich Action im Babyalltag! Peter ist schuldbewusst und senkt den Kopf: „Och nöö, und ich bin auch noch schuld an der ganzen Sauerei. Sorry, Mami.“ Ich wiegle ab: „Was glaubst Du, wie oft MIR sowas passiert…nicht so schlimm. Hilfst Du mir kurz beim Saubermachen?“ Peter nickt. Grinst wissend. Und erinnert mich dezent an das Rührei-Schüttelbecher-Massaker und den Mixer-Kürbissuppen-Zwischenfall. Beide Male war neue, weiße Wandfarbe nötig.

Weil Paul cliffhängerverdächtig in seinem Ikea-Hochstuhl zu klettern anfängt, hebe ich ihn heraus und beschäftige ihn mit pädagogisch wertvollen Entdeckerbausteinen aus naturbelassenem Holz, fünf Schritte weiter im Wohnzimmer. Paul nickt freudig. Freiheit! Spielen! Klasse! Dass die Bausteine lautstark über den vom Mann so heiß geliebten Parkettboden schlittern und seltsame Geräusche verursachen, nehmen Peter und ich billigend in Kauf. Der Große schrubbt hingebungsvoll Theke und Hocker, ich den Boden. Die Tinte ist allerdings hartnäckig. Ich muss die Fliesen ordentlich rubbeln, obwohl Familie Kasi (aufgrund zweier öfter sauigelnden Buben) im Besitz eines superduper Hightech-Bodenschrubbers ist. Hätte ich gar nicht gedacht: Fies, das Zeugs.

Während ich links an der Wand rubble, macht es rechts an der Wand neben mir laut: „Höhöhö“. Ich sehe, wie mein selig grinsendes Baby mit roten Bäcklein und vor allem mit viel Wucht durch die letzte große Tintenpfütze patscht. Nein, hechtet. Paul hat Spaß. Gibt’s ja nicht immer, so einen blauen See in der Küche. Trotz der Schweinerei hat das ganze eine gewisse Situationskomik. Heute Abend lohnt sich die Badewanne. Und Herr Kasi fragt, wenn er heimkommt, sicher wieder: „Naaaa, hattet Ihr es nett?!“ Oh ja. Im Großen und Ganzen schon :-).

Ein ganz normaler Morgen

Schon häufig habe ich über unseren – sagen wir es freundlich – mitunter sehr unorthodoxen Familienalltag berichtet. Heute Morgen müssen die Kids zur Oma, weil Frau Kasi ins Büro einen Stock tiefer geht. Herr Kasi spielt Chauffeur, die Oma weiß Bescheid. Nur: Ausgerechnet heute schlafen beide Frühaufsteher lange. Herr und Frau Kasi frühstücken in absoluter Stille gemeinsam. Selten und ungewohnt. Keine Müslischüssel fällt unter den Tisch. Kein Wasserglas. Nur Ruhe und Kaffee und Nutellabrot. Wie langweilig.

6.45 Uhr: Endlich. Peter schlurft in die Küche. Verschwurbelt und grußlos: „Bin aber schon ganz lange wach. Hab schon lange gelesen.“ Aha?! Vor etwa zweieinhalb Minuten hat er noch tief geschlafen. Erster Griff zur Musikbox. Nein. Atzen und Discopogo brauchen wir noch nicht. Nein, die drei Fragezeichen sollen auch noch nicht ermitteln.
6.54 Uhr: Paul kräht durchs Babyphon: „Baba? Mama? Lalalalaa…“ Herr Kasi ist erleichtert. So kommt er zu einer menschlichen Zeit ins Büro.
7.01 Uhr: Peter findet keine frische Unterhosen, was ihn irgendwie so gar nicht stört. Im Wäschekorb, wo frisch zusammengelegte liegen, mag er nicht suchen: „Ich lass‘ einfach die hier an. Ist ja noch gut. Mit Spiderman.“ Kurzer Kampf. Frau Kasi gewinnt. Auch wegen frischer Socken und Zähneputzen. Kämmen wird heutzutage vollkommen überbewertet. Und: Wer braucht einen Kamm, wenn man Gel hat? Eben.
7.03 Uhr: Paul findet Wickeln doof und windet sich wie ein Aal. Dabei pieselt er die Unterlage, sich und die frische Wäsche voll. Weil die Riesenpfütze warm und groß ist, patscht er mit der Hand hinein. Paul lacht fröhlich. Herr Kasi wischt sich dezent Pipi vom Hemd und fragt nach einem neuen.
7.05 Uhr: Paul mag die weiße Strumpfhose nicht, was ich ehrlich gesagt verstehen kann. Als Mädchen fand ich sie schon schlimm genug, für einen Jungen, so sagt Herr Kasi, seien sie entwürdigend. Trotzdem ist Winter, auch wenn wir April und kalendarischen Frühling haben, und Paul muss sie anziehen. Den Beinkleid-Nahkampf gewinnt Herr Kasi: „Bababa lalala. Ommma.“ Paul wendet sich demonstrativ ab. So. Das hasse davon, Papa.
7.09 Uhr: Paul hat Hunger und bekommt noch einen kleinen Snack. Peter hat keinen und meckert über unser Müsliangebot. Viel zu gesund. Zu wenig süß. Und überhaupt: Wer sagt, dass man frühstücken muss?
7.12 Uhr: Pauls Schuhe sind weg. Peters auch. Und Herr Kasi sucht bei seinem Ipod die Dauer-Uhr. Was auch immer das sein mag.
7.13 Uhr: Peter kümmert sich um den Ipod: „Was hast Du auch wieder gemacht? Wenn man Dir mal was Technisches gibt.“ Paul zieht sich die soeben gefundenen Schuhe wieder aus. Das Telefon klingelt. Wo bitte liegt es wieder?
7.14 Uhr: Telefon hinter dem Blumentopf gefunden. Die umsichtige Oma. Sie hat keine Windeln mehr. Hektisch also wieder zwei Stockwerke höher. Windeln… Hmmm. Peter hat den Wickeltisch umsortiert. Ah. Da. Allerdings sind nur noch billige da. Kurze Suche nach den besseren, die Paul auswärts immer kriegt. Puh. Herr Kasi: „Sollte man noch einkaufen, so gute Windeln.“ Unausgesprochen: „Sollte man“ heißt: „Mach‘ doch Du mal…“ Ich weise ihn darauf hin, dass er heute mein Auto hat.
7.24 Uhr: Abfahrt. Frau Kasi frühstückt noch einmal. Stress macht hungrig. Kaffee und Nutellabrot, you made my day.