Übertragung abgebrochen

Mein Kreditinstitut hat sein Online-Banking umgerüstet. Statt meiner TAN-Liste besitze ich nun einen so genannten „TAN-Generator“, der mir fluchs bei jeder Überweisung eine Tan generiert. Das Ganze ist dann supersicher, vor bösen Menschen geschützt und unglaublich praktisch.

So weit die Theorie. Der TAN-Generator ist aber mein Feind. Dieses kleine, bunte Gerätchen, das eher aussieht wie ein Werbegeschenks-Taschenrechner als wie eine technische Errungenschaft, die einen solch hochfuturistischen Namen verdient hätte, boykottiert mich. Es boykottiert mich nahezu täglich – und mit solch großer Leidenschaft, dass ich versucht bin, das unschuldige Teil in hohem Bogen in die Hagebuttenhecke vor meiner Bürotüre zu schleudern. Bevor Sie fragen: Einen Userfehler schließe ich aus. Der Generator ist so schwer zu bedienen auch nicht. Und schließlich klappt das mit der supersicheren High-Tech-Überweisung ja auch ab und zu. So in einem von zehn Fällen. Nach gut einer Stunde Arbeit an einer (!) Überweisung.

Von meiner Technik – egal ob Telefon, Computer, Handy oder eben Online-Banking – erwarte ich, dass sie funktioniert, wenn ich sie nutzen will. Langes Rädchendrehen oder technische Versuchsreihen lehne ich ebenso konsequent ab wie stundenlange Sessions am Rechner, am besten noch im Staub oder in liegender Haltung  – „Ich hab jetzt wirklich alles probiert…“. Bei mir muss das Zeug seinen ordnungsgemäßen Dienst tun – sonst landet es an einem sehr schlechten Tag im Garten. Wenn ich erbost bin, gehe ich sehr konsequent vor.

Mir fehlt das technische Grundverständnis, um die Sicherheit der einstigen TAN-Zettelwirtschaft komplett anzuzweifeln – klar, böse Buben gibt es im Internet zuhauf. Allerdings war ich schon sehr skeptisch, als  die bunten TAN-Generatoren mit der Post kamen: kleine, nicht zwingend solide gearbeitete Plastikteilchen mit großem Schlitz. In eben diesen muss man seine EC-Karte stecken, wenn man seine Online-Überweisung tätigen will. Man gibt die nötigen Daten ein und hält die ganze Apparatur schräg und nur in einem gewissen Winkel an einen blinkenden Lichtbalken am Monitor, der dem Stroboskop aus dem Physikunterricht ähnelt. Dabei muss man streng darauf achten, dass die blinkenden Pfeile am Balken justiert sind auf zwei Pfeile am Generator. Dann beginnt das Gerät die Übertragung. Bei Frau Kasi funktioniert das am besten stehend in einer Art Embryo-Haltung, leicht gebückt und mit lang gestrecktem Hals – Gründe dafür sind unter anderem geringe Körpergröße, zu geringe Armlänge und viel zu schlechte Augen. Und was passiert trotz so viel Körpereinsatz und diversen verspannten Muskelpartien (tun Sie das mal eine Stunde lang!) regelmäßig? Richtig. Nichts. Doch. Es erscheint der freundliche Satz: „Übertragung abgebrochen.“ Drei Anrufe bei der Online-Banking-Hotline meines Kreditinstitus brachten keine Besserung. Allein der Umstand, dass es fürs Online-Banking eine Hotline gibt, macht mir deutlich, dass das alles nicht so läuft, wie es soll.

Egal. Man beriet mich dort einigermaßen freundlich, ließ aber immer wieder durchblicken, dass es wohl eher ein technischer Userfehler sein müsste. Ich wurde sauer und konterte, dass in jenem unwahrscheinlichen Falle nicht einmal eine von zehn Überweisungen ordnungsgemäß augeführt würde. Danach fragte man mich, ob ich das Licht an hätte. Hallo? Es war Winter und früh am Morgen. „Ja“, sagte ich, „natürlich. Sie nicht?“ „Tjaaaaaa“, sagte die freundliche Hotline-Dame gedehnt, „das ist ja dann klar. Die Lampe blendet die Technik.“ Frau Kasi war dabei, Anstand und Erziehung über Bord zu werfen und musste herb an ihrem Groll schlucken, als sie gepresst sagte:  „Das ist eine absolut blendfreie Tageslicht-Lampe für hunderte von Euro. Mein Mann hatte beim Bezahlen Tränen in den Augen…. Und übrigens: Soll ich im Dunkeln überweisen? Da sehe ich noch weniger als am Tag – bei knapp minus acht Dioptrien.“ Das Frage-Antwort-Spiel ging weiter. „Haben Sie einen alten Monitor?“  Frau Kasi feixend: „Sind gut vier Wochen zu alt?“ Die Dame, nicht mehr ganz so gefasst, wurde ratlos, und ich lief so langsam richtig warm. Mit einer Hand hielt ich, immer noch gebückt, das Telefon, mit der anderen den hiflos blinkenden Generator an den Monitor. Dabei fauchte ich ausgiebig: „Wissen Sie was, stellen Sie mir das Konto einfach wieder auf Papier um wie vor dem Krieg. Dann werfe ich wie früher wieder Überweisungen bei Euch in den Briefkasten. Es kann doch nicht sein, dass Online-Banking heißt, ins Auto steigen zu müssen, um an den nächsten Service-Center in der Bankfiliale zu fahren. Genau das mache ich jetzt seit Monaten.“ Die Bankfrau am Telefon argumentierte indes, Sie hätten eigentlich keine Beschwerden in dieser Sache. Bei den meisten Leuten würde die neue Technik verlässlich funktionieren und solide arbeiten. Unterschwellig stand der Vorwurf im Raum, ob ich regelmßig am Computer… „Ja“, brüllte ich, „jedes Jahr, jeden Monat, jeden Tag. UND DAS VIELE STUNDEN LANG!“ Vorsichtshalber fügte ich an, bei Herrn Kasi funktioniere das Ganze auch nicht. Dieser würde gesondert anrufen. Sie erschrak. Der Satz „Noch so einer…“ hing in der Luft.

„Übertragung abgebrochen.“ Auch diverse Helligkeitsverdrehungen und Monitoreinstellungen später klappte es nichts. Der Generator hatte seine Generatoren-Tätigkeit eingestellt und brach ab. Eigentlich schön, das Geld blieb ja auf meinem Konto. Lange Rede kurzer Sinn: Die Dame erklärte mir dann, das ganze könne man auch „manuell“ eingeben (Super Formulierung, manuell heißt bekanntlich per Hand. Nimmt irgendjemand zum Überweisen die Füße?). Das heißt: Der TAN-Generator fordert statt eines blinkenden Balkens einen ungefähr achtstelligen Start-Code. Danach die gewünschten Bankdaten, und der Generator spuckt anstandslos den notwendigen TAN-Code aus. Zwar viel umständlicher als die unsichere TAN-Liste und weniger futuristisch als der blinkende Disko-Balken, immerhin aber wirksam. Zum Abschied sagte mir die Dame am Telefon, die Sache mit den Balken funktioniere bei so manchem nicht. Die manuelle Eingabe sei durchaus gängig und vielen Kunden ja auch so viel lieber. Haha.