Was willste machen…

Schon häufiger habe ich über meine große Liebe zum VfB Stuttgart gebloggt. Und darüber, welchen Kummer sie manchmal mit sich bringt und welche potenzielle Leidensfähigkeit sie voraussetzt. Heute nähere ich mich dem Thema einmal von einer ganz anderen Seite: und das ist die Sache mit dem Aberglauben, und das hat gar nichts mit schwarzen Katzen, zerbrochenen Spiegeln oder Schornsteinfegern zu tun.

Denn Fußballfans – und Kicker – sind häufig sehr abergläubische Menschen. Als mein Gatte noch aktiver Kicker war (also öfter als einmal im Monat den Rasen betrat), zog er vor den Spielen die Stutzen inmmer in der gleichen Reihenfolge an. Erst rechts. Dann links. Gleiches Prozedere bei den Schuhen. Erst wurde rechts gebunden, und dann links. Als er selbst A-Jugend-Trainer war, aßen seine Jungs vor den Spielen immer Schoko-Erdnüsse, die er stets in einer hohen Dose in seiner Sporttasche aufwahrte und deren Füllmenge er samstags sorgfältig kontrollierte. Einmal hatten die Jungs nach dem Genuss solcher Schoko-Nüsse überragend gewonnen… Deshalb blieben die Nüsse auf Monate Teil eines diskutierfähigen Spielvorbereitungs-Konzepts, und vermutlich halten wir bis heute Anteile an der verantwortlichen Schoko-Nuss-Firma. Ganz nach dem Motto: „Never change a running system.“ Verstehen Sie doch, oder?

Wenn wir also ins Stadion fahren, überlegen wir immer, wie die letzte Partie war und was wir angehabt hatten. Roter, weißer oder schwarzer Dress? Welche Mütze? Was drunter? Daraufhin wird dann die aktuelle Garderobe abgestimmt. Mit leichtem Ekel erinnere ich mich an ein rotes VfB-Polo, dass ich 2007 – bis zum Meistertitel – wochenlang aus Aberglauben nicht mehr waschen konnte… Was willste machen? Aus der Nummer wäre ich ja nie mehr rausgekommen. Kennen Sie die lange und traurige Geschichte von Onkel Herbert? Onkel Herbert ist der Onkel von Kabarettist Frank Goosen. Er und eine fiese Darmgrippe tragen dem Vernehmen nach Schuld, dass Schalke einst nur Meister der Herzen wurde und nicht echter Meister… Aber das ist eine andere Geschichte, die Onkel Herbert mit sich ausmachen muss.

Am Samstag erlebten wir vor dem 4:5-Auswärtssieg in Frankfurt, den wir bibbernd vor dem Fernseher verfolgten, gefühlsmäßig eine echte Achterbahnfahrt. Dabei begann alles ganz ideal. Sohn 1 und ich schauten Fußball. Der VfB führte überraschend 1:3. Komfortabel und vergleichsweise deutlich. Weil wir als VfB-Fans allerhand gewöhnt sind, waren Sohn 1 und ich nicht wirklich gelassen. Exakt in dem Augenblick, als Frankfurt den 2:3-Anschlusstreffer landete, fuhr Herr Kasi bedauerlicherweise sein Auto in den Garagenhof. Sohn 1, angespannt wie eine Gitarrensaite, rannte zum Fenster und schrie seinem verdatterten Erziehungsberechtigten entgegen: „Hast Du nicht noch was zu erledigen? Du bringst Unglück!“ Herr Kasi maulte zurück und räumte noch in der Garage herum. Frankfurt glich aus: 3:3. Gab es sowas? Peter, kreideweiß. Wieder schreiend am Fenster: „FAHR‘ VOM HOF! FAHR‘ VOM HOF! BESUCH‘ OMA! Mit Dir wird das heute nix!“ Herr Kasi verzog sich schimpfend unter die Dusche, immer noch leicht verdattert. Vermutlich dachte er aber an seinen eigenen Aberglauben. Das Unfassbare geschah. Frankfurt ging in Führung. 4:3. Peter raste vom Bezahl-TV nach oben ins Bad, Wuttränen in den Augenwinkeln: „DU BIST SCHULD!!! Diesen Dreier hast DU geopfert!“ Der Rest seines Satzes, der sich irgendwie nach: „Wir haben doch geführt…“ und „So ein Sch….“ anhörte, ging in einer nicht ganz jugendfreien Schimpftirade unter.

Herr Kasi bewahrte, ich war so stolz auf ihn, die Haltung: Sohn 1 hat diesen Ausbruch überlebt. Das lag vermutlich daran, dass der Verein unserer uneingeschränkten Zuneigung die Partie abermals drehte und noch 5:4 gewann. Jetzt muss der Gatte halt samstagmittags zur besten Fußballzeit immer duschen, der Ärmste. Was willste machen.
PS: Sohn 1 hat sich bei seinem Vater selbstverständlich entschuldigt.

Peter Maus

Nur ein Telefonat

Ich warte auf einen Rückruf – und zwar von einer reizenden Dame, mit der ich noch Details zu zwei Texten besprechen muss. Endlich hupt mein Handy – nur dummerweise zeitgleich mit der Türklingel. Vor der Türe steht die Musiklehrerin des Großen – pünktlich da für die nächste Stunde. Während ich mit dem einen Arm das Handy unters Ohr klemme, dirigiere ich die Musiklehrerin freundlich und wild gestikulierend ins Wohnzimmer zu Sohn 1. Sohn 2 indes wittert Morgenluft und brüllt aus Leibeskräften: „Auch Frau gehen. Nonnis zeiden.“ Das bedeutet frei übersetzt: Sohn 2 möchte die gefühlt fünfzehneinhalb Schnuller, die er in seinen Händchen und beiden Hosentaschen verstaut hat, unbedingt der Klavierlehrerin vorführen. Woher er diese hat, entzieht sich spontan meiner Kenntnis. Warum er das tun will, weiß ich auch nicht; dass ich das jetzt unmöglich zulassen kann, schon eher. Parallel erkläre ich der immer noch wartenden Dame am Telefon, dass es bei mir gleich wieder ruhiger ist und ich sofort wieder ganz Ohr bin für sie und Ihre Texte. Sohn 1 übt derweil schon eifrig Tonleitern, was man sehr gut hören kann.

Wie urplötzlich für Ruhe sorgen will, ist mir bis dato schleierhaft. Denn mittlerweile zettert Paul schon eine Oktave höher und schmeißt furienartig mit den fünfzehneinhalb Schnullern um sich. „Underecht! Auch Frau gehen! Imma nur der Peter!“. Ich beginne zu schwitzen und streichle ihm übers Haar. Kein Erfolg. Danach manövriere ich das Kind vorsichtig ins Büro des Manns, wo unzählige Micky-Maus-Heftchen auf einem Stapel liegen. Normalerweise schaut sich die Sohn 2 für sein Leben gern an: „Maus is‘ so lustid…“ Fehlanzeige. Sohn 2 würdigt weder Micky Maus, noch Kater Karlo oder Donald Duck eines Blickes und brüllt wieder, mittlerweile mit knallrotem Kopf: „Immer nur der Peter….“ Tränen schießen wie Sturzbäche aus seinen Augen. Ach, er tut mir Leid. Exakt bis zu dem Punkt, wo er sich auf den Boden wirft und mit den Beinen ums sein Leben zu strampeln scheint. Mir tritt der Schweiß auf die Stirn. Woher Ruhe nehmen und nicht stehlen? Die Dame am Telefon ist sehr verständnisvoll. Ich langsam nicht mehr.

Mit einem gezielten Griff packe ich den zweijährigen Thronfolger, der offenbar auf 180 ist und sich mit der ganzen Kraft seiner zehn Kilo windet wie ein Aal. Ich stelle ihn kurzentschlossen in sein Zimmer. Dessen Tür ist mit einem Gittertürchen verschlossen. Diese jähe Art der kleinkindlichen Freiheitsberaubung erbost den jungen Mann bis auf Letzte. „Mama so böse. Paul bloß abdestellt!!! Mama nimma mein Freund….“ Nun ja, er hat ja recht. Korrekt ist das sicher nicht – aber was tun? Also: Ich ziehe mich zügig ins benachbarte Schlafzimmer zurück, beende mein Telefonat mit Anstand und Höflichkeit. Plötzlich wird es ruhig. Alarmiert kehre ich zu meinem Kind zurück – wir reden von rund zwei Minuten, die ich noch zum Telefonieren gebraucht habe – im seligen Wissen, dass alles in Paulchens Zimmer kleinkindgerecht eingerichtet ist und ihm nichts passieren kann. Bevor jetzt alle jäh aufschreien und mir vorwerfen, ich würde mein Kind stundenlang einkerkern…

Paul sitzt – ein Bild für Götter – mitten in den Zutaten seiner Spielküche. Da sind Spiegeleier aus Plastik, Pommes dazu, ein Himbeerkuchen, ein Fisch, drei Kirschen, Tassen, Teller und rote Würstchen. Alles wild verteilt. Paul schluchzt: „Alles alleine aufdedesst.“ Also: Im Klartext: Wer mich einsperrt, kriegt auch nix mehr zu essen. Ein Bilderbuch später sind wir wieder Freunde. Puh. Noch einmal Glück gehabt.

Löffelweise Nutella – und Kirschlikör

Von ganz weit weg höre ich Wasser rauschen. Im Halbschlaf und nur ganz leise. Wer jedoch einen Paul in der Familie hat, ist stets in Alarmbereitschaft. Müde schiele ich auf meinen Wecker – exakt 5.38 Uhr – und hebe meine alten Glieder aus dem Bett. Ich hätte immerhin noch 22 Minuten dösen können. Ein Luxus, den ich mir normalerweise nicht nehmen lasse. Es sei denn, es rauscht Wasser. Der Mann stellt sich erfolgreich schlafend.

Mein Gefühl hat mich nicht getrogen. Auf der Treppe hopst mir bereits ein munteres Paulchen entgegen – sehr wach für diese Uhrzeit mitten in der Nacht. Für meinen Geschmack viel zu wach. „Hallo Mama. Ausdeslaft?“, erkundigt er sich teilnahmsvoll und weidet sich an meinem leicht derangierten Anblick: Wischmopp auf dem Kopf, die Brille hängt schief, der Karo-Schlafanzug ist leicht zerknautscht. Ich erkundige mich, was er macht. „Paul hat Hände dewascht.“ Ah ja. „Warum, denn, Paulchen?“ – „Hab schon Nutella-Brot dedesst.“ Nutella-Brot? „Paulchen, wer hat Dir das gemacht?“ Ich bemühe mich um einen beiläufigen Ton, der mir so früh morgens nicht so recht gelingen mag. Denn jetzt habe ich seinen Mund entdeckt. Den ziert ein Vollbart aus meiner heißgeliebten Nuss-Nougat-Masse. Paul indes wirft sich stolz in die Brust: „Na – der Paul selba. Brot selba demacht.“ Und in der Tat: Paulchen streckt mir zwei über und über mit Nutella bezogene Händchen hin. Und erwähnt vollkommen überflüssigerweise: „Hände aber immer noch voll?!“ Das sehe selbst ich. Mit schiefer Brille.

Paulchen und ich machen uns auf in die Küche. Zuerst wird das Kind gesäubert, was einer Spontan-Dusche im Spülbecken gleichkommt. Danach suche ich das Nutella-Glas, das unschuldig auf dem Couchtisch steht. Mit einem (zum Glück!) Kindermesser von Ikea darin. Der Nutella-Gehalt ist seit meiner letzten Benutzung am Abend zuvor deutlich dezimiert. Paul ist immer noch stolz: „Hat Paulchen gut demacht, oder, Mama?“ Ich kämpfe mit einem dicken Grinsen und erkläre meinem Kind, dass zu einem Nutella-BROT auch Brot gehört. Denn das hat Sohn 2 vergessen. Mittlerweile ist der Rest vom Haus auch wach, angeklockt vom Dusch-Lärm. Jetzt sind es sowohl Sohn 1 als auch der Herzensgatte, die mit dem Grinsen kämpfen, denn Frau Kasi kann Nutella ebenfalls löffeln. Bevorzugt heimlich und mitten in der Nacht. Seufzend ob so viel Ungerechtigkeit putze ich sämtliche Türklinken, Nutellaglas, Couchtisch, segne meine Ledercoutch, da abwaschbar, und mache mich auf ins Gästeklo. Auch dort hat das morgendliche Nutellamonster sich ausgetobt. Vor der ersten Tasse Kaffee des Tages – die für mich lebenswichtig ist! – will ich noch eben die Salzbrezelchen des Lieblingsgatten in den Schrank räumen. Ein Salzbrezelchen-Desaster im Wohnzimmer brauche ich jetzt schließlich nicht auch noch. Das knirscht so eklig…

Müde und unachtsam stoße ich dabei gegen eine große Flasche polnischen Kopfwehalarm-Kirschlikörs, die die letzten zehn Jahre bei uns im Wohnzimmerschrank verbracht hat. Die Ein-Liter-Pulle zerbirst mit lautem Knall auf meinem wunderschönen Holzboden. Und noch schlimmer: Ihr unsäglich süßer Inhalt ergießt sich nicht nur über den wunderschönen Holzboden, sondern fließt munter unter alle Schränke – bevorzugt den mit der gesamten Wohnzimmertechnik. Ich laufe zu Hochform auf und fluche laut. Sch… Likör! Zum Glück mochte den eh niemand (sonst wäre er vermutlich längst nicht mehr da?). Paulchen kommt schuldbewusst ums Eck‘ geschlichen: „Mama! Aufpassen!“ und sagt zu Peter: „Paul hat Flasche aber nicht kaputt demacht. Puh.“

Ein ganz normaler Morgen

Schon häufig habe ich über unseren – sagen wir es freundlich – mitunter sehr unorthodoxen Familienalltag berichtet. Heute Morgen müssen die Kids zur Oma, weil Frau Kasi ins Büro einen Stock tiefer geht. Herr Kasi spielt Chauffeur, die Oma weiß Bescheid. Nur: Ausgerechnet heute schlafen beide Frühaufsteher lange. Herr und Frau Kasi frühstücken in absoluter Stille gemeinsam. Selten und ungewohnt. Keine Müslischüssel fällt unter den Tisch. Kein Wasserglas. Nur Ruhe und Kaffee und Nutellabrot. Wie langweilig.

6.45 Uhr: Endlich. Peter schlurft in die Küche. Verschwurbelt und grußlos: „Bin aber schon ganz lange wach. Hab schon lange gelesen.“ Aha?! Vor etwa zweieinhalb Minuten hat er noch tief geschlafen. Erster Griff zur Musikbox. Nein. Atzen und Discopogo brauchen wir noch nicht. Nein, die drei Fragezeichen sollen auch noch nicht ermitteln.
6.54 Uhr: Paul kräht durchs Babyphon: „Baba? Mama? Lalalalaa…“ Herr Kasi ist erleichtert. So kommt er zu einer menschlichen Zeit ins Büro.
7.01 Uhr: Peter findet keine frische Unterhosen, was ihn irgendwie so gar nicht stört. Im Wäschekorb, wo frisch zusammengelegte liegen, mag er nicht suchen: „Ich lass‘ einfach die hier an. Ist ja noch gut. Mit Spiderman.“ Kurzer Kampf. Frau Kasi gewinnt. Auch wegen frischer Socken und Zähneputzen. Kämmen wird heutzutage vollkommen überbewertet. Und: Wer braucht einen Kamm, wenn man Gel hat? Eben.
7.03 Uhr: Paul findet Wickeln doof und windet sich wie ein Aal. Dabei pieselt er die Unterlage, sich und die frische Wäsche voll. Weil die Riesenpfütze warm und groß ist, patscht er mit der Hand hinein. Paul lacht fröhlich. Herr Kasi wischt sich dezent Pipi vom Hemd und fragt nach einem neuen.
7.05 Uhr: Paul mag die weiße Strumpfhose nicht, was ich ehrlich gesagt verstehen kann. Als Mädchen fand ich sie schon schlimm genug, für einen Jungen, so sagt Herr Kasi, seien sie entwürdigend. Trotzdem ist Winter, auch wenn wir April und kalendarischen Frühling haben, und Paul muss sie anziehen. Den Beinkleid-Nahkampf gewinnt Herr Kasi: „Bababa lalala. Ommma.“ Paul wendet sich demonstrativ ab. So. Das hasse davon, Papa.
7.09 Uhr: Paul hat Hunger und bekommt noch einen kleinen Snack. Peter hat keinen und meckert über unser Müsliangebot. Viel zu gesund. Zu wenig süß. Und überhaupt: Wer sagt, dass man frühstücken muss?
7.12 Uhr: Pauls Schuhe sind weg. Peters auch. Und Herr Kasi sucht bei seinem Ipod die Dauer-Uhr. Was auch immer das sein mag.
7.13 Uhr: Peter kümmert sich um den Ipod: „Was hast Du auch wieder gemacht? Wenn man Dir mal was Technisches gibt.“ Paul zieht sich die soeben gefundenen Schuhe wieder aus. Das Telefon klingelt. Wo bitte liegt es wieder?
7.14 Uhr: Telefon hinter dem Blumentopf gefunden. Die umsichtige Oma. Sie hat keine Windeln mehr. Hektisch also wieder zwei Stockwerke höher. Windeln… Hmmm. Peter hat den Wickeltisch umsortiert. Ah. Da. Allerdings sind nur noch billige da. Kurze Suche nach den besseren, die Paul auswärts immer kriegt. Puh. Herr Kasi: „Sollte man noch einkaufen, so gute Windeln.“ Unausgesprochen: „Sollte man“ heißt: „Mach‘ doch Du mal…“ Ich weise ihn darauf hin, dass er heute mein Auto hat.
7.24 Uhr: Abfahrt. Frau Kasi frühstückt noch einmal. Stress macht hungrig. Kaffee und Nutellabrot, you made my day.

Kleiner Junge, großes Herz

Das hier ist endlich Pauls Geschichte. Die Geschichte von einem kleinen Baby, einem großen Herzen und unfassbarem Glück.

„Sie haben ein tolles Kind. Genießen Sie die kurze Zeit, die Ihnen bleibt.“ Sind wir ehrlich: Das sind nicht die Sätze, die man als frisch gebackene Eltern hören will. In der Tat: Paul wurde nach einer zügigen Risikogeburt sehr jäh mit der Welt draußen konfrontiert. Und wir mit drei verschiedenen Kliniken. Eine größer als die andere. Wir hörten in den ersten Tagen von einem schweren Herzfehler (Pauls rechte Herzkammer war viel zu groß), jeder Menge sehr schlechter Blutwerte und letztendlich von einer potenziell tödlich verlaufenden Stoffwechselstörung. „Aber von dieser Krankheit wissen selbst wir an der Uni-Klinik kaum etwas. Sie ist viel zu selten, so dass da kaum geforscht wird. Aber meistens liegt die Lebenserwartung bei zwischen einem und fünf Jahren.“ Paul, unser kleines Baby mit den großen Knopfaugen, bekam viel Sauerstoff und wurde in der Uniklinik rund um die Uhr von allen möglichen piepsenden Maschinen überwacht, die gellend laut Alarm schlugen, wenn vermeintlich etwas nicht in Ordnung war. Noch nie in unserem Leben hatten wir alle solche Angst gehabt. Wir schliefen nicht. Wir aßen nicht. Wir verstanden nichts. Wir waren wie eingefroren. Mitten im Mai. Unser Rettungsanker in jener Zeit: unser großer Peter, der sich so rührend um sein Brüderchen kümmerte (sofern es die Klinikkabel zuließen) und immer bei uns war, wenn uns der Mut verließ.

Heute ist Paul sieben Monate alt und gesund. Er krabbelt wie ein Weltmeister, liebt Bananen, Oma Schatz‘ Stoffmäuse und vor allem seinen großen Bruder Peter. Er hasst es, gewickelt zu werden, schaut oft zum Fenster hinaus und fährt für sein Leben gern Auto. Morgens um vier lacht er gern „Gnihiii“ wie Ernie aus der Sesamstraße. Und wenn Peter aus der Schule kommt, geht in seinem kleinen Gesichtchen die Sonne auf.

Was ist unsere Weihnachtsbotschaft an Euch? Wir haben gemerkt, wie schnell das eigene Leben komplett aus den Fugen geraten kann. Plötzlich ist nichts mehr so, wie, wie es einmal war. Was einmal wichtig war, zählt nicht mehr. Alles hätten wir genau dem Arzt geschenkt, der uns gesagt hätte: „Ich mache Ihr Kind gesund. Kein Thema. Passt morgen?“ Was ist ein Haus? Was ein Auto? Ein Urlaub? Gegen Gesundheit? Zwei so tolle Kinder? Uns hat die Hoffnung über schwere Monate gerettet. Der feste Glaube daran, dass alles wieder gut werden MUSS. So leicht, wie es jetzt hier zu lesen ist, war es dann aber doch nicht. Doch wir hatten Menschen, die uns dabei halfen und zur Seite standen. Familie, Freunde, liebe Nachbarn, einen tollen Kinderarzt. Und erfahrenen Kardiologen, der sich von Blutwerten, Tabellen und Wahrscheinlichkeiten nicht in die Irre führen ließen. Sondern auf ihr Gefühl vertrauten.

Nach vielen bangen Wochen der Ungewissheit stand endlich fest, dass Pauls Herz normal arbeitet. Der Stoffwechsel-Gentest? War ebenfalls negativ ausgefallen: „Ihr Kind ist ein Kämpfer. Andere Babys hätten es mit DEM Herzen und diesen Startbedingungen nicht geschafft.“

Und wir? Wir leben heute ein anderes Leben. Wir setzen andere Prioritäten und sind dankbar für das, was wir JETZT haben. Danke, kleiner Paul! Weil a bissel Glück für di no lang net reicht….

Wir wünschen Euch zu Weihnachten alles, was wichtig ist im Leben… macht was draus. Und glaubt daran.

PETERPAUL mit Fridolin

Medienzeit zum Kuchen backen?

Peter würde ohne regulativen Eingriff von oben, also von mir, tagelang am Computer sitzen. Er weiß, was ein Browser ist, er kennt GMX und Photoshop und liebt die Website der Toten Hosen. Niemand braucht mir an dieser Stelle einen Vortrag über Medieneinflüsse auf einen Siebenjährigen halten – vielen Dank. Aber erstens bekommt Peter es bei seinen Eltern mit, was es für eine berufliche Tragödie es ist, wenn im Büro ein Tag lang das Internet ausfällt. Und zweitens hat sich der Sohn schon immer für diverse technische Spielereien interessiert. Deshalb hat jeder PC im Haus ein Kennwort und das Internet eine Kindersicherung wie einst die Tür an der Rückbank des familieneigenen Opel-Blitz‘.

Aufgrund des großen Medieninteresses des Thronfolgers, das der Gatte und ich mit Sorge betrachten, gibt es im Hause Kasi neuerdings etwas, das „Medienzeit“ heißt. Medienzeit für den Junior bedeutet, dass sich der junge Herr ein bestimmtes Zeitkontingent selbst einteilen darf (wobei PC dabei sicherlich nicht jeden Tag stattfinden darf). Medienzeit heißt, Mahjongg auf dem Iphone zu spielen, Fernsehen zu schauen oder zum 144. Mal „Wickie und die starken Männer“ auf DVD. Medienzeit heißt aber auch ab und zu, eins der mitgelieferten Windowsspiele aufzurufen. Ich weiß nicht einmal, wie es heißt. Es geht auf jeden Fall darum, Kuchen und Torten mit Schoko-, Himbeer- und Vanillguss zu überziehen und dann möglichst schnell in Kartons zu packen. Seelisch grausam ist so etwas allenfalls für Menschen über 12. Ich brauche nicht zu betonen, dass ich üblicherweise anwesend bin, wenn sich der Sohn an den Rechner setzt.

Dummerweise klingelte unlängst allerdings das Telefon, während Peter fünf Minuten digitale Schokokuchen verpacken durfte. Ich rannte hoch, nahm ab, fest entschlossen, den Anrufer gleich wieder aus der Leitung zu verbannen. Doch wie so oft, wenn man das will, dauerte es halt länger. Nach dem Telefonat brüllte ich einen Stock tiefer: „Peter! Abendessen…“ und wies den Gatten an, das Rechnerwesen im Büro auszuschalten. Alles soweit okay. Bis dann das Essen kam. Folgender Dialog.

Peter (mümmelt an einem Stück Dosenlyoner): „Papa, ich hab‘ mir jetzt endlich einen GMX-Account eingerichtet. Mit Chat-Funktion.“

Herr Kasi (wird bleich): „?????“

Peter (hat endlich geschluckt): „Ein Passwort habe ich auch. Ich hab’s aufgeschrieben auf den Ausdruck.“

Herr Kasi (mit entgleisten Gesichtszügen): „!!!!!“

Peter: „Weißt Du, da kann ich vielleicht vom Desktop aus chatten… hab’s noch nicht probiert…. Aber dem Opa hab‘ ich gleich eine Mail geschrieben und ein Foto von nem Quad angehängt. Denk‘ mal, der Michael nimmt mich mit… der hat jetzt eins….“

Herr Kasi (mit feuerrotem Gesicht): „?????!!!!!“

Frau Kasi (leicht hektisch): „Peter, bist Du noch hungrig? Schau, ganz frisches Brot….“

Peter: „Nö. Was denkst Du, darf ich rein rechtlich ein Bild vom Campino als Avatar nehmen? Das ist doch bestimmt verboten, oder?“

Frau Kasi (immer hektischer): „Peter, schau, ganz frisches Brot….“

Herr Kasi (hat sich wieder gefangen): „SAGT MAL, WAS MACHT IHR, WENN ICH WEG BIN?“

Als sich Peter verzogen hat – es gibt ja heute kein Fernsehen, weil die Medienzeit aufgebraucht ist – beschließen Herr und Frau Kasi, NIE MEHR den Raum zu verlassen, wenn Peter mit einem technischen Gerät alleine ist. Und sei es nur der Reisewecker, der ständig vorgeht. Was uns allerdings leider unklar blieb: Woher Peter sein profundes Fachwissen hat. Wir werden mal nachhaken.

PS: Neue Begebenheit. Peter muss für die Schule einen kurzen, netten Text mit Marsraketen lesen. Er hat keine Lust dazu: „Darf ich danach DAS lesen, was MICH interessiert.“ Ich nicke gedankenverloren. Warum auch nicht? Peter liest die Marsraketen in Rekordschnelle. Danach ruft er mir: „Wo hast Du die Beschreibung vom Buchhaltungsprogramm? Ich möchte wissen, wie man das Designer-Modul integriert.“