Nur ein Telefonat

Ich warte auf einen Rückruf – und zwar von einer reizenden Dame, mit der ich noch Details zu zwei Texten besprechen muss. Endlich hupt mein Handy – nur dummerweise zeitgleich mit der Türklingel. Vor der Türe steht die Musiklehrerin des Großen – pünktlich da für die nächste Stunde. Während ich mit dem einen Arm das Handy unters Ohr klemme, dirigiere ich die Musiklehrerin freundlich und wild gestikulierend ins Wohnzimmer zu Sohn 1. Sohn 2 indes wittert Morgenluft und brüllt aus Leibeskräften: „Auch Frau gehen. Nonnis zeiden.“ Das bedeutet frei übersetzt: Sohn 2 möchte die gefühlt fünfzehneinhalb Schnuller, die er in seinen Händchen und beiden Hosentaschen verstaut hat, unbedingt der Klavierlehrerin vorführen. Woher er diese hat, entzieht sich spontan meiner Kenntnis. Warum er das tun will, weiß ich auch nicht; dass ich das jetzt unmöglich zulassen kann, schon eher. Parallel erkläre ich der immer noch wartenden Dame am Telefon, dass es bei mir gleich wieder ruhiger ist und ich sofort wieder ganz Ohr bin für sie und Ihre Texte. Sohn 1 übt derweil schon eifrig Tonleitern, was man sehr gut hören kann.

Wie urplötzlich für Ruhe sorgen will, ist mir bis dato schleierhaft. Denn mittlerweile zettert Paul schon eine Oktave höher und schmeißt furienartig mit den fünfzehneinhalb Schnullern um sich. „Underecht! Auch Frau gehen! Imma nur der Peter!“. Ich beginne zu schwitzen und streichle ihm übers Haar. Kein Erfolg. Danach manövriere ich das Kind vorsichtig ins Büro des Manns, wo unzählige Micky-Maus-Heftchen auf einem Stapel liegen. Normalerweise schaut sich die Sohn 2 für sein Leben gern an: „Maus is‘ so lustid…“ Fehlanzeige. Sohn 2 würdigt weder Micky Maus, noch Kater Karlo oder Donald Duck eines Blickes und brüllt wieder, mittlerweile mit knallrotem Kopf: „Immer nur der Peter….“ Tränen schießen wie Sturzbäche aus seinen Augen. Ach, er tut mir Leid. Exakt bis zu dem Punkt, wo er sich auf den Boden wirft und mit den Beinen ums sein Leben zu strampeln scheint. Mir tritt der Schweiß auf die Stirn. Woher Ruhe nehmen und nicht stehlen? Die Dame am Telefon ist sehr verständnisvoll. Ich langsam nicht mehr.

Mit einem gezielten Griff packe ich den zweijährigen Thronfolger, der offenbar auf 180 ist und sich mit der ganzen Kraft seiner zehn Kilo windet wie ein Aal. Ich stelle ihn kurzentschlossen in sein Zimmer. Dessen Tür ist mit einem Gittertürchen verschlossen. Diese jähe Art der kleinkindlichen Freiheitsberaubung erbost den jungen Mann bis auf Letzte. „Mama so böse. Paul bloß abdestellt!!! Mama nimma mein Freund….“ Nun ja, er hat ja recht. Korrekt ist das sicher nicht – aber was tun? Also: Ich ziehe mich zügig ins benachbarte Schlafzimmer zurück, beende mein Telefonat mit Anstand und Höflichkeit. Plötzlich wird es ruhig. Alarmiert kehre ich zu meinem Kind zurück – wir reden von rund zwei Minuten, die ich noch zum Telefonieren gebraucht habe – im seligen Wissen, dass alles in Paulchens Zimmer kleinkindgerecht eingerichtet ist und ihm nichts passieren kann. Bevor jetzt alle jäh aufschreien und mir vorwerfen, ich würde mein Kind stundenlang einkerkern…

Paul sitzt – ein Bild für Götter – mitten in den Zutaten seiner Spielküche. Da sind Spiegeleier aus Plastik, Pommes dazu, ein Himbeerkuchen, ein Fisch, drei Kirschen, Tassen, Teller und rote Würstchen. Alles wild verteilt. Paul schluchzt: „Alles alleine aufdedesst.“ Also: Im Klartext: Wer mich einsperrt, kriegt auch nix mehr zu essen. Ein Bilderbuch später sind wir wieder Freunde. Puh. Noch einmal Glück gehabt.