Der Zahn der Zeit

Ach ja! Ganz vergessen! Der Wackelzahn ist raus! Wir sind jetzt stolze Besitzer eines Zahndöschens aus Holz mit dem eingravierten Namen „Peter“. Gezogen wurde der olle Schmerzbringer nicht etwa mit der blauen Rohrzange, sondern von Kindeshand – beim selbstvergessenen Wackeln während „Bibi Blocksberg“. Nur zur Info 🙂

Der Wackelzahn

Kann das sein? Eben erst – zumindest kommt es mir mit meinem müttersentimentalen Gehirn so vor – hat Peter mit viel Geschrei seine letzten Zähne gekriegt. Und jetzt sollen die ersten schon wieder raus. Der halbe Kiefer des Sohnkinds gleicht von seiner Stabilität her der venezianischen Innenstadt oder den wackligen Bücherstapeln in dem Regal hinter mir. Der Thronfolger verweigert deshalb standfest jegliche feste Nahrung und pocht streng auf die Einnahme von Apfelmus, Griesbrei und Nudelsuppe. Die Baustellen im Unterkiefer machen genussvolles Abbeißen vom grünen Apfel wie einst in der Zahncreme-Werbung („Damit Sie auch morgen noch kraftvoll zubeißen können“) in der Tat nicht leichter. Aber grüne Granny-Smith-Äpfel sind ja wegen der schlechten Ökobilanz – da meistens nicht heimisch – ohnehin etwas aus der Mode gekommen, wo es doch so tolle, rotbackige und vor allem heimische Bodenseeäpfel gibt, die theoretisch nur eine gute Stunde Fahrt von der Insel Reichenau bis Nusplingen bräuchten.

Aber ich schweife ab. Weil Peter ein kleiner Mann ist, leidet er dabei gebührend. Während er, dick eingemummelt in meiner Kuscheldecke in meiner Sofa-Lieblingsecke sitzt (ihm geht es ja schlecht), nuckelt er müde an seinem Kaba: „Mama, weißt Du noch, wie der Michel der Lina den Zahn gezogen hat?“ Klar erinnere ich mich an die Zahn-Episode in Astrid-Lindgrens Lönneberga-Klassiker. Ich erzähle ihm also vom Pferd, dem Faden und Michels Idee, das Pferd könnte den Zahn aus dem Kiefer herauskatapultieren. „Ach ja“, macht Peter einen traurigen Mund, „so würde das bei uns auch enden. Die Lina ist dem Pferd ja nachgerannt wie blöd.“ Stimmt. Ich beruhige meinen gebeutelten Sprössling damit, dass wir kein Pferd haben. Und per se auch kein Dienstmädchen, an dem wir solche Dinge auszutesten gedenken.

Peter sitzt immer noch zahnleidend in meiner Sofalieblingsecke. „Mama“, erkundigt er sich mit geübten „Mir-geht’s-so-schlecht-und-keine-Sau-interessiert-sich-dafür“-Tonfall, „wie hast Du denn Deinen ersten Milchzahn verloren?“ Zugegebenermaßen wenig sensibel berichte ich von einem kleinen Mädchen, dessen linker Schneidezahn unten ebenfalls höllisch wackelte. Weil das kleine Mädchen eine sehr robuste Fünfjährige mit Hang zum Prügeln, zum Auf-hohe-Bäume-Klettern und durch Tiefe-Bäche-Waten war, entschied sie sie sich für eine sprichwörtliche Hauruck-Methode: die große, blaue Rohrzange von Peters Opa Schatz. Damit wurde das winzig kleine Zähnlein höchst erfolgreich aus Frau Kasis blütenweißer Milchzahnreihe gelupft. Die Wacklerei hatte ein schnödes und zugegebermaßen wenig kindgerechtes Ende genommen. Dank der blauen Rohrzahnge.

Peter und Herr Kasi schauen mich beide entsetzt an. „Neee“, sagt mein Gatte, „wie gemein. Und das an einem kleinen Kind.“ Auch mein Sohn ist einigermaßen ratlos – hat er doch einen gutmütigen, mit ihm jeden Spaß veranstaltenden Großvater im Hinterkopf und keinen mit einer Zange bewaffneten, fiesen Zähnezieher: „Mama“, sagt er demzufolge streng, „damit macht man keinen Spaß.“ Ich beteuere kleinlaut, dass dies aber die Wahrheit sei. Außerdem verstehe ich das Getue nicht. Warum auch nicht? Ich hatte danach zwar einen Zahn weniger, war aber des leidvollen „Ich-muss-jetzt-an-dem-Zahn-wackeln-bis-er-wehtut“ erlöst. Das wog den kurzen Schmerzmoment mit der riesigen Rohrzange eindeutig auf.

Eins ist klar. Peter will jetzt nicht wie eine Memme dastehen. Zögerlich fragt er seinen Vater nach einer Rohrzange. Diese findet sich in unserem vom Umzug gebeutelten Haushalt freilich nicht sofort. Wohl aber ein kleines, rotes Zänglein, von dem mein Mann, der gelernte Pädagoge im Haus, wohl annimmt, es sei viel kindgerechter und sozialverträglicher aus die Variante aus den späten 70-ern in Frau Kasis Elternhaus. Gemeinschaftlich machen sich also der mit der Kinderzange bewaffnete Herr Kasi und Frau Kasi als alter Hase an Sohnkinds Kiefer zu schaffen. Der kleine Mann hat den Mund noch nicht recht – zugegebenermaßen eher halbherzig – geöffnet, da brüllt er – wohlgemerkt mit offenem Mund: „Ich glaub‘, ich behalt‘ den Zahn noch ein bisschen.“ Soviel zu Dres. med. dent. Weiger. Schuster, bleib‘ bei Deinen Leisten. Mit und ohne Rohrzange. Wir haben einen tollen Zahnarzt im Ort.